Leitlinien für Schulen

Was ist (s)elektiver Mutismus?

Die Bezeichnung 'elektiver' (oder selektiver) Mutismus beschreibt das Verhalten eines Kindes, das fähig ist zu sprechen, aber bestimmten Personengruppen gegenüber oder in spezifischen Situationen stumm bleibt. Mutismus wird meist erst dann auffällig, wenn das Kind in die Schule kommt.

Die Indikatoren für elektiven Mutismus sind folgende:

  • Das Kind kann sprechen und hat keine signifikanten Sprach- bzw. Artikulationsfehler.
  • Es besteht eine Sprechhemmung an bestimmten Orten (z.B. Schule) und an anderen Orten nicht (z.B. zu Hause).
  • Das Kind hat Probleme, Freundschaften aufzubauen.
  • Das Verhalten besteht länger als 2 Monate.
  • Lernfortschritte in der Schule fallen oft schwer.

Diese Richtlinien sollen Schulen helfen, mit mutistischen Kindern richtig umzugehen und sinnvolle Hilfe zu leisten.

Elektiver Mutismus - Diese Fakten sind bekannt

Elektiver Mutismus ist ein schwerwiegendes Problem, und es gibt eine Menge Theorien, wodurch er entsteht. Wichtig sind folgende Punkte:

  • Mutismus ist selten, maximal 1% aller Kinder sind betroffen.
  • Es gibt mehr mutistische Mädchen als Jungen.
  • Bei länger andauerndem Mutismus besteht ein großes Frustrations- und auch Aggressionspotential bei Lehrern und Eltern. Sie wissen schlichtweg nicht, was sie tun sollen.

Ein Kind zum sprechen zu zwingen, ist absolut kontraproduktiv, es verstärkt den Mutismus eher noch. Ein Anschieben der Motivation und sukzessives Heranführen an das Sprechen ist dagegen durchaus erfolgversprechend, allerdings braucht es hierfür eine mutismusspezifische Behandlung. Ab dem Jugendalter kann eine deutliche Verschlimmerung eintreten mit einer Einbettung des Schweigens in eine ausgeprägte Sozialphobie und/oder Depression. Deshalb sollte eine Therapie im Kindesalter zielführend und erfolgreich sein, ehe die Störung chronifiziert.

  • Behandlungen und Therapien für das Kind scheinen am Besten zu helfen, wenn sie an Orten stattfinden, an denen das Kind die größten Hemmungen hat zu sprechen.
  • Die Behandlung erfordert Geduld und Zeit. Die Teilnahme der Eltern an der Therapie und die Umsetzung von therapeutischen Maßnahmen im häuslichen Umfeld der Familie unterstützt den Behandlungsverlauf essentiell.

In der Schule

Das mutistische Kind kommt jeden Tag in der Schule unvermeidlich mit vielen schwierigen Alltagssituationen oder ihm unbekannten Erwachsenen in Berührung. Deshalb ist es wichtig, dass die Schule dem Kind hilft, damit fertig zu werden.

  • Stellen Sie sicher, dass alle Erwachsenen, die mit dem Kind Umgang haben (Lehrer, Hausmeister etc.), über die Schwierigkeiten des Kindes Bescheid wissen.
  • Weisen Sie diesen Personenkreis an, das Kind nicht zum Sprechen zu zwingen.
  • Diese Personen sollten das Kind loben und belohnen, wenn sie es, in welcher Situation auch immer, sprechen hören.
  • Stellen Sie sicher, dass das Kind nicht abgesondert oder isoliert wird.

Was kann die Schule tun?

Die Schule kann viele Beiträge dazu leisten, das der elektive Mutismus eines Kindes überwunden wird.

Dem Kind seine Ängste nehmen:

  • Das Kind nicht zwingen zu sprechen.
  • Das Kind im normalen Klassenverband belassen.
  • Dem Kind Tätigkeiten anbieten, die nicht primär mit lautem Sprechen zu tun haben (z.B. Schreiben, Lesen, Malen, Spielen), damit das Kind sich gleichwertig fühlt.
  • Das Kind ermuntern, mit anderen Kindern zu spielen.

Dem Kind helfen, auf andere Weise zu kommunizieren:

  • Geben sie dem Kind Gelegenheit, auf andere Art zu kommunizieren (Symbole, Karten, Gesten).
  • Erlauben sie dem Kind, wenn vorhanden, den Computer zu benutzen, um sich mitzuteilen.
  • Fördern sie die Arbeit in kleinen Gruppen.
  • Stellen sie sicher, dass das Kind bei Gruppenspielen und Arbeiten nicht ausgeschlossen wird. 

Helfen sie dem Kind, sein Sozialverhalten zu verbessern:

  • Setzen sie es in der Klasse zu den Kindern, mit denen es auch außerhalb der Schule öfter zusammen ist.
  • Belassen sie das Kind immer in der gleichen Arbeitsgruppe im Unterricht.
  • Stellen sie sicher, dass bei Gruppenarbeiten die Kinder nur durch Zusammenarbeit das vorgegebene Ziel erreichen können.
  • Erfragen sie bei den Eltern die Lieblingssituationen oder Lieblingsaktivitäten des Kindes und versuchen sie diese auch in der Schule zu ermöglichen.

Helfen sie dem Kind öfter zu sprechen:

  • Planen sie ein Verhaltensprogramm, und machen sie lieber viele kleine Schritte, statt einen großen Schritt. Wann immer das Kind Laute von sich gibt, loben sie es.
  • Stellen sie sicher, das das Lob mit den Lauten oder Worten, die das Kind gerade von sich gegeben hat, zu tun haben (z.B. wenn es Schokolade sagt, dann geben sie ihm ein Stück).
  • Stellen sie konkrete Belohnungen in Aussicht, oder schreiben sie eine 'Belohnungsliste', von der dann auch die Eltern Gebrauch machen können.
  • Schrauben sie die Anwendung von Belohnungen herunter, je mehr das Kind freiwillig spricht.

Ein Programm zur Intervention planen

Das Behandlungsprogramm für jedes Kind muss individuell auf dieses Kind zugeschnitten sein, dabei sollte der Schulpsychologe hinzugezogen werden.

  • Ziehen sie, bei Bedarf, Menschen hinzu, mit denen das Kind normalerweise spricht.
  • Gezielte Behandlungen sollten in der Schule stattfinden.
  • Behandlungsprogramme sollten in kleinen Räumlichkeiten in Anwesenheit von dem Kind vertrauten Personen begonnen werden. Belohnungen und Lob sollten ein integraler Bestandteil der Behandlung sein.
  • Binden sie das Kind in die Planung ein, zum Beispiel indem es die Belohnungen aussuchen darf. Das kann auch zu Hause zusammen mit den Eltern geschehen.
  • Die Behandlungsphasen sollten nicht zu lang (15 - 30 Minuten pro Tag) aber sehr regelmäßig sein. Wenn Fortschritte sichtbar (hörbar) werden, binden sie neue Personen ein, aber sehr vorsichtig.

Bleiben sie geduldig und vor allem ruhig.

Zum Schluss

Ein mutistisches Kind stellt eine große Herausforderung dar, aber mit sorgfältiger Planung und genügend Zeit kann diese Herausforderung gemeistert werden. Das Kind sollte immer als vollwertiges Klassenmitglied behandelt werden und an allen Aktivitäten, ob innerschulisch oder außerschulisch, teilnehmen dürfen.

Eltern brauchen Hilfe und Durchhaltevermögen in der Phase der Therapie. Die Schule kann im Zusammenwirken mit den Eltern und anderen professionellen Hilfen von außen den entscheidenden Durchbruch bringen.
Copyright by Essex County Council, Learning Services Directorate, Psychology and Assessment Service, 1997 

(C) der deutschen Übersetzung Michael Lange im Februar 2001.
Ergänzungen ergeben sich durch die aktuelle Mutismus-Forschung.