Was ist Mutismus?

Weshalb spricht ein Mensch nicht, obwohl er sprechen kann?

Welche Inhibitionsmechanismen greifen beim partiellen bzw. totalen Mutismus ineinander, so dass das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene seinen angeboren Trieb, sich verbalsprachlich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, mit ihr in Kontakt treten, sich selbst mitteilen zu wollen, nicht mehr anwenden kann, ihn nur noch in gedämpfter Form oder z.T. auch gar nicht mehr verspürt bzw. durch nonverbale Ersatzstrategien kompensiert?

Die Beschäftigung mit diesen Fragestellungen lässt schnell deutlich werden, dass der elektive (auch selektive) bzw. totale Mutismus im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter im Schnittpunkt medizinisch-psychiatrischer, psychologischer und sprachheilpädagogischer Sichtweisen und Erklärungsansätze liegt und damit in den meisten Fällen einer interdisziplinären Fokussierung und Betreuung bedarf. Die Sprachheilpädagogik erweist sich hier als Bindeglied zwischen den genannten Disziplinen, nicht zuletzt dadurch, dass sich das Schweigen häufig in Kombination mit sprachlichen Auffälligkeiten oder Bilingualismus-Problemfeldern zeigt und über die kommunikative Kompetenz hinaus der wiederkehrende Wunsch und Antrieb, Sprechen als etwas Wertvolles und als soziales Instrument zu begreifen, zentrales Anliegen sprachtherapeutischen Bemühens ist. 

Untersucht man das Bedingungsgefüge des individuellen Schweigens, so sind bei der Diagnostik bzw. der Erstellung der jeweiligen Patienten- und Familienanamnesen fünf Befundebenen zu berücksichtigen:

  • die somatologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
  • die psychologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
  • die kommunikative Konstitution des Betroffenen bzw. des Familiensystems,
  • die kognitiven Bewertungsmechanismen und
  • die emotionalen Prozessierungsmechanismen beim Betroffenen.

Der Terminus elektiver Mutismus wurde von dem Schweizer Kinder- und Jugendpsychiater Moritz Tramer (1934) eingeführt und fand internationale Verbreitung. Er wird aktuell durch den Begriff selektiver Mutismus ergänzt. In der ICD-10-GM der WHO findet sich unter F94.0 der Begriff "elektiver Mutismus". Die Termini "elektiver Mutismus" bzw. "selektiver Mutismus" beschreiben ein und dasselbe Störungsbild. In der angloamerikanischen Literatur wird in der Regel die Bezeichnung "selektiver Mutismus" verwendet, analog zum DSM-IV-TR der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie mit der Codierung 313.23 "selektiver Mutismus". In deutschsprachigen nichtmedizinischen Beiträgen wird in Abgrenzung zur Medizin ebenfalls mehrheitlich vom selektiven Mutismus gesprochen. Der Tradition der medizinischen Literatur folgend verwenden Ärzte im deutschsprachigen Raum fast ausschließlich den Terminus "elektiver Mutismus". Die Bevorzugung des einen oder anderen Begriffs lässt sich eher auf ideologisch bedingte Abgrenzungswünsche zurückführen als auf inhaltlich-fachliche Unterscheidungskriterien.

Nach der Verteilung der möglichen psychophysiologischen ätiologischen Faktoren (s. Abb. unten) ergeben sich folgende Definitionen der Termini "totaler Mutismus" und "(s)elektiver Mutismus":

Nach der Verteilung der möglichen psychophysiologischen ätiologischen Faktoren (s. Abb. unten) ergeben sich folgende Definitionen der Termini "totaler Mutismus" und "(s)elektiver Mutismus":

Totaler Mutismus

Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen, Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.

(S)elektiver Mutismus

Der (s)elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen,  Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.
Quelle:

Institut für Sprachtherapie Dr. Boris Hartmann
www.boris-hartmann.de